Frage 1: Mein Kind spricht mit zwei Jahren noch nicht. Muss ich mir schon Sorgen machen?
Mein zweijähriges Kind spricht nicht. / Mein Kind spricht mit zwei Jahren noch kaum. / Mein Kind spricht mit zwei Jahren völlig unverständlich. So oder so ähnlich lautet eine sehr häufige Elternfrage.
Dass Sie sich Sorgen machen, ist völlig verständlich. Immer wieder kommt es vor, dass sich die Entwicklung unseres eigenen Kindes von der Entwicklung anderer Kinder unterscheidet und davon, wie diese laut verschiedenen Tabellen über die kindliche ‚Norm-Entwicklung‘ ablaufen sollte. Dass Sie sich Sorgen machen, bedeutet ja auch, dass Sie Ihr Kind mit seiner Entwicklung gut im Blick haben und das ist erstmal gut.
Nicht wenigen Eltern geht es wie Ihnen: Während die Kinder von befreundeten Eltern mit einem Jahr bereits erste Wörter, wie Mama, Papa, Wauwau, verwenden und täglich neue Wörter dazu kommen, bis mit etwa zwei Jahren erste Wörter kombiniert werden, wie ‚haben des‘, ‚Mama auch‘, ‚Papa essen‘, lautiert das eigene Kind bisher nur und verwendet möglicherweise das Wort ‚Mama‘ oder schreit, wenn es etwas haben möchte.
Die wissenschaftliche Forschung der letzten Jahre skizziert ein deutlich differenzierteres Bild als viele Internetforen oder gut gemeinte Ratschläge von Freunden und Verwandten.
Ein zweijähriges Kind, das noch nicht oder kaum spricht, ist keine Seltenheit. Etwa 10–20 % aller Zweijährigen gelten als sogenannte Late Talker – Kinder, deren Sprachentwicklung langsamer verläuft als erwartet. Viele von ihnen holen den Rückstand in den nächsten Jahren teilweise oder vollständig auf. Einige entwickeln jedoch eine anhaltende Sprachentwicklungsstörung oder eine andere Entwicklungsbesonderheit. Entscheidend ist: Mit zwei Jahren kann man meist noch nicht sicher vorhersagen, zu welcher Gruppe ein einzelnes Kind gehören wird. Aber auch mit zwei Jahren kann man schon sogenannte Prädiktoren, also Vorläufer betrachten, die einen Hinweis darauf geben, ob ein Kind über die Voraussetzungen verfügt, Sprache/Sprechen gut lernen zu können.
Was erwarten Experten von einem zweijährigen Kind in der Sprachentwicklung?
Kinder entwickeln Sprache sehr unterschiedlich. Mit etwa zwei Jahren zeigen die meisten Kinder:
- einen deutlich wachsenden Wortschatz
- erste Wortkombinationen ("Mama komm", "mehr Saft"),
- zunehmendes Sprachverständnis,
- Interesse daran, etwas durch Sprache zu erreichen oder zu erzählen.
- Der passive Wortschatz, also was ein Kind versteht, übersteigt die Wörter, die es selber spricht, deutlich.
Einfache Screenings erfassen die verwendeten Wörter von etwa zweijährigen Kindern. Diese müssen nicht korrekt ausgesprochen sein, wichtig ist nur, dass Sie wissen, dass immer, wenn Ihr Kind z.B. ‚edade‘ oder ‚gagor‘ sagt, es die Giraffe und den Traktor meint. Ihr Kind hat also verstanden, dass Dinge Namen/zugeordnete Begriffe haben und dass andere Menschen verstehen, was gemeint ist, wenn man genau diesen Begriff dann verwendet und entsprechend handeln. Also wenn Ihr Kind auf einen Traktor draußen zeigt und aufgeregt ‚gagor da!‘ ruft und Sie dann antworten ‚Ja, da draußen fährt ein Traktor.‘ oder Ihr Kind im Haus auf einen Spielzeugtraktor zeigt (‚gagor da!‘) und Sie ihm diesen Traktor dann geben ‚Möchtest du den Traktor haben?‘ fühlt sich Ihr Kind bestätigt in seiner Kommunikation und erfährt eine Erweiterung seiner Sprache.
Ist das nicht der Fall und Ihr Kind kommuniziert noch überwiegend durch schreien oder zeigen, machen sich viele Eltern berechtigterweise erstmal Sorgen. Meistens ist diese Sorge unbegründet, aber nicht immer. Ein erheblicher Teil der Late Talker (nämlich 70-74% laut Hill et al. 2024 bzw. Reilly et al. 2018) entwickelt bis zum Kindergartenalter (einige spätestens bis zum Schulalter) eine weitgehend unauffällige Sprache. Sie beginnen einfach später zu sprechen, kommen dann aber schnell von einer Wortebene zu ersten Sätzen, mit zunehmendem Alter wird die Sprache auch verständlicher. Zum Schuleintritt erfüllen sie die Kriterien einer Sprachentwicklungsstörung nicht mehr.
Doch was ist mit den übrigen ca. 26-30% der mit zwei Jahren auffälligen Kinder, die nicht schon in den ersten Jahren ihren Rückstand in der Sprachentwicklung aufholen? Nicht allein die Zahl der gesprochenen Wörter ist entscheidend. Besonders aufmerksam werden Experten, wenn zusätzlich mehrere dieser Merkmale auftreten:
- Das Kind versteht Sprache deutlich schlechter als Gleichaltrige.
- Es reagiert selten auf seinen Namen.
- Es zeigt kaum Gesten (Zeigen, Winken, Kopfschütteln).
- Es zeigt wenig Blickkontakt oder sucht wenig geteilte Aufmerksamkeit (z.B. wie im oben genannten Traktor-Beispiel).
- Es verliert bereits erworbene Fähigkeiten.
- Es bestehen Hörprobleme bzw wirkt das Kind fast ständig erkältet.
- Weitere Entwicklungsbereiche sind ebenfalls verzögert.
Je mehr solcher Faktoren zusammentreffen, desto wahrscheinlicher ist eine weitergehende Entwicklungsstörung – beispielsweise eine Sprachentwicklungsstörung, eine (meist vorübergehende) Hörbeeinträchtigung o.ä.
Was empfehlen aktuelle Leitlinien? Die deutschsprachige evidenzbasierte Leitlinie aus dem Jahr 2024 hat die verfügbare Forschung systematisch ausgewertet.
Ihre Kernaussagen sind bemerkenswert:
- Einfach erstmal einige Jahre abwarten ist nicht empfehlenswert.
- Bereits ab etwa zwei Jahren bei deutlicher Sprachverzögerung Kinder gezielt im Alltag unterstützen.
- Elternberatung und -anleitung
- Je nach Risikoprofil Sprachtherapie und Elterntraining kombinieren.
In der Praxis sieht das folgendermaßen aus: Die Sprachentwicklung wird in den jeweiligen Kindervorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt miterfasst. Wie gut dies geschieht, ist sehr unterschiedlich. Eine richtige Sprachtherapie macht in diesem Alter meist nur dann Sinn, wenn schon klar ist, dass es höchstwahrscheinlich zu längerfristigen Schwierigkeiten in der Sprachentwicklung kommen wird, z.B. bei Trisomie 21 o.ä. Wichtig ist es, ein Augenmerkt auf die oben beschriebenen Merkmale zu haben, die oft ein Hinweis auf eine länger anhaltende Problematik in der Sprachentwicklung sein können. Dabei möchte ich Ihnen behilflich sein.
Besonders gut belegt ist in der frühen Sprachentwicklung (bis 3 Jahre) die elternbasierte Sprachförderung. Dabei lernen Eltern nicht, ihr Kind "zu unterrichten", sondern alltägliche Situationen sprachförderlich zu gestalten – beim Spielen, Wickeln, Essen oder Spazierengehen. Es ist also eine Elternberatung bzw. Elternbegleitung. Denn ein/e Sprachtherapeut/in in einer Praxis kann nur sehr eingeschränkt ‚echtes Alltagsleben‘ in seiner Therapie simulieren. Und um sprechen zu lernen, benötigt ein Kind im Alltag beständige Interaktion, aus der es die Wörter und Regeln der deutschen Sprache entnehmen und sie in Kommunikation ‚ausprobieren‘ kann. Spracherwerb kann nicht alleine in 45 Minuten Sprachtherapie pro Woche beim Sprachtherapeuten/Logopäden stattfinden, daher macht es Sinn, das sprachliche Umfeld zu optimieren, um möglichst viel reichhaltige Interaktion und variablen Input zu Hause zu ermöglichen. Dies kann ausschließlich im direkten Kontakt mit anderen Menschen erfolgen, niemals aber durch einen Computer, ein Tablet, eine App. Sie als direkte Bezugsperson sind hier unersetzlich.
Haben Sie nun alles optimiert und sind aber der Meinung, dass Ihr Kind mehrere der oben genannten Merkmale erfüllt, die auf eine Sprachentwicklungsstörung hinweisen, ist es durchaus sinnvoll Ihren Kinderarzt darauf anzusprechen. Dabei sollte vor allem das Hören abgeklärt und mögliche Anlaufstellen (ambulante logopädische Praxis, Frühförderstelle, Pädaudiologie, …) besprochen werden. Daraufhin können genauer die Ursachen einer Sprachentwicklungsstörung untersucht und eine sinnvolle Förderung bzw. andere hilfreiche Maßnahmen koordiniert werden.
Wie es weitergeht, wenn ihr Kind mit drei Jahren immer noch kaum oder sehr unverständlich spricht, lesen Sie im nächsten Eintrag, der demnächst folgen wird.
Verwendete Quellen:
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Sprachentwicklungsberatung
Dr. Kathrin Pfeffer